Heilpraxis Hilbich

Medical Gaslighting, wenn beschwerden abgetan werden

Sie sitzen in der Arztpraxis. Erklären Ihre Symptome. Die Erschöpfung, die Schmerzen, das diffuse Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Der Arzt schaut auf die Blutwerte, nickt kurz und sagt: „Alles in Ordnung. Ihre Werte sind unauffällig.“

Aber Sie wissen: Irgendetwas stimmt NICHT. Ihr Körper sendet klare Signale. Und doch werden Sie mit dem Gefühl entlassen, dass Sie sich das alles nur einbilden.

Willkommen in der Realität von Medical Gaslighting einem Phänomen, das viel zu viele Menschen kennen, besonders Frauen mit chronischen oder „unsichtbaren“ Erkrankungen.

Medical gaslighting

Ich habe es selbst erlebt

Ich saß beim Frauenarzt und wollte die Pille absetzen.

 Ich wollte wissen, ob die Spirale für mich eine Option wäre da einige andere Erkrankungen von einem hormonfreien Zustand profitieren würden.

Die Antwort? Ich solle mich für mein Binge Eating nicht schämen.

Ich hatte nicht über Essen gesprochen. Ich hatte nach einer anderen Verhütungsmethode gefragt.

Ich war so perplex, dass ich erstmal gar nichts gesagt habe. Und dann wie so oft nach solchen Momenten habe ich angefangen, an mir selbst zu zweifeln. Habe ich mich falsch ausgedrückt? War ich zu sensibel?

Nein. War ich nicht. Das war Medical Gaslighting.

Ich habe Lipödem. Und ich kenne das Gefühl, wenn der eigene Körper einem etwas sagt – und die Person, die einem helfen soll, einen ansieht, als würde man sich das alles einbilden. Als wäre man das Problem.

Und genau deshalb habe ich diesen Artikel geschrieben.

Was ist Medical Gaslighting?

Der Begriff „Gaslighting“ stammt ursprünglich aus der Psychologie und beschreibt eine Form der emotionalen Manipulation, bei der jemand an der eigenen Wahrnehmung zweifeln gemacht wird. Im medizinischen Kontext bedeutet Medical Gaslighting, dass Patientinnen und Patienten mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen, ihre Symptome bagatellisiert oder ins Reich der Psyche verschoben werden obwohl körperliche Ursachen vorliegen.

Das Problem: Medical Gaslighting passiert oft unabsichtlich. Es entsteht nicht aus böser Absicht, sondern aus Zeitmangel im Gesundheitssystem, veralteten Lehrmeinungen, fehlenden Diagnosemöglichkeiten oder auch einem unbewussten Geschlechterbias in der Medizin.

Das Ergebnis ist aber dasselbe: Menschen fühlen sich nicht gehört, nicht ernst genommen  und zweifeln irgendwann an sich selbst.

Wer ist besonders betroffen?

Medical Gaslighting kann grundsätzlich jede und jeden treffen. Doch es gibt Gruppen, die statistisch häufiger davon betroffen sind:

Frauen, sowie trans Männer, nicht-binäre Personen und alle Menschen mit Gebärmutter. Studien zeigen immer wieder, dass diese Gruppen in der Medizin seltener ernst genommen werden. Auch People of Colour erleben überproportional häufig, dass ihre Schmerzen unterschätzt oder ihre Symptome nicht ernst genommen werden. Ihre Schmerzen werden eher als „psychosomatisch“ eingestuft, ihre Symptome als „übertrieben“ wahrgenommen.

Menschen mit chronischen, „unsichtbaren“ Erkrankungen Also Erkrankungen, die man von außen nicht sieht und die sich in Standardlaboren nicht immer zeigen.

Dazu gehören unter anderem:

Lipödem  Eine chronische Fettverteilungsstörung, die oft jahrelang nicht diagnostiziert wird. Betroffene hören stattdessen: „Nehmen Sie halt ab“ oder „Essen Sie weniger“. Dabei handelt es sich um eine eigenständige Erkrankung, die nichts mit Übergewicht oder falschem Essverhalten zu tun hat.

Fibromyalgie  Chronische Schmerzen am ganzen Körper, Erschöpfung, Schlafstörungen  und Blutwerte, die „unauffällig“ sind. Betroffene werden häufig von Arzt zu Arzt geschickt, bevor sie endlich eine Diagnose bekommen. Oft hören sie vorher: „Das ist psychosomatisch.“

Endometriose Im Durchschnitt dauert es 7-10 Jahre bis zur Diagnose. Währenddessen wird Betroffenen gesagt: „Regelschmerzen sind normal“ oder „Da müssen Sie durch“.

Wechseljahresbeschwerden Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gelenkschmerzen – viele dieser Symptome werden als „gehört halt dazu“ abgetan, statt sie ernst zu nehmen und zu behandeln.

PMS und PMDS  Starke prämenstruelle Beschwerden werden oft belächelt („Stellen Sie sich nicht so an“) oder nicht als behandlungsbedürftig angesehen, obwohl sie die Lebensqualität massiv einschränken können.

Chronische Erschöpfung trotz „normaler“ Blutwerte  Sie sind dauerhaft erschöpft, kommen morgens nicht aus dem Bett, haben keine Energie mehr. Die Blutwerte sind „in Ordnung“. Also kann ja nichts sein, oder?

Adipositas Alle Beschwerden werden auf das Gewicht geschoben. Knieschmerzen? „Nehmen Sie ab.“ Erschöpfung? „Liegt am Gewicht.“ Dass möglicherweise hormonelle Dysbalancen, Entzündungen oder andere Ursachen dahinterstecken, wird oft nicht weiter untersucht.

Typische Sätze, die auf Medical Gaslighting hindeuten

Vielleicht haben Sie einen oder mehrere dieser Sätze schon einmal gehört:

  • „Das ist alles psychisch.“
  • „Ihre Blutwerte sind unauffällig, Sie sind gesund.“
  • „Sie müssen nur abnehmen, dann geht das weg.“
  • „Das gehört zum Frau-Sein dazu.“
  • „Sie sind zu jung für so etwas.“
  • „Da kann man nichts machen.“
  • „Sie übertreiben.“
  • „Das bilden Sie sich ein.“
  • „Haben Sie schon mal über eine Psychotherapie nachgedacht?“

Diese Sätze sind nicht per se falsch manchmal spielen psychische Faktoren eine Rolle, manchmal hilft eine Gewichtsreduktion tatsächlich. Aber: Wenn diese Aussagen reflexhaft kommen, ohne dass gründlich untersucht wurde, ohne dass Ihre Symptome ernst genommen werden, ohne dass alternative Erklärungen in Betracht gezogen werden – dann ist das problematisch.

Warum "normale" Blutwerte nicht immer die ganze Wahrheit sagen

Pflegefachkraft

Einer der häufigsten Sätze im Kontext von Medical Gaslighting ist: „Ihre Blutwerte sind unauffällig.“

Das klingt beruhigend. Aber es bedeutet nicht zwangsläufig, dass Sie gesund sind oder dass nichts vorliegt.

Warum?

Referenzbereiche sind sehr breit – Die „Normwerte“ im Labor umfassen 95% der Bevölkerung. Das bedeutet: Auch wenn Ihr Wert am unteren oder oberen Ende liegt (und Sie sich schlecht fühlen), gilt er statistisch noch als „normal“.

Individuelle Optimalwerte werden nicht betrachtet Was für eine Person optimal ist, kann für eine andere bereits grenzwertig sein. Ein TSH-Wert von 3,5 mag im Referenzbereich liegen  für manche Menschen ist das aber bereits zu hoch und führt zu Symptomen.

Viele relevante Marker werden gar nicht untersucht Standardlabore prüfen oft nur Basis-Parameter. Mikronährstoffe, Hormone im Detail, stille Entzündungsmarker oder spezifische Antikörper werden meist nicht gemessen, außer man fragt explizit danach.

Symptome entstehen oft vor messbaren Veränderungen Der Körper sendet Warnsignale, bevor sich Laborwerte verändern. Chronischer Stress, beginnende hormonelle Dysbalancen oder Mikronährstoffmängel können bereits Beschwerden verursachen, ohne dass die Blutwerte auffällig sind.

Das bedeutet nicht, dass Blutwerte unwichtig sind. Sie sind ein wichtiges Puzzle-Teil. Aber eben nur ein Teil – nicht das gesamte Bild.

So erkennen Sie Medical Gaslighting

Medical Gaslighting ist nicht immer leicht zu erkennen, weil es subtil sein kann. Hier einige Anzeichen:

Ihre Symptome werden bagatellisiert  „Das ist doch nicht so schlimm“ oder „Andere haben das auch“.

Sie fühlen sich nicht gehört  Der Arzt unterbricht Sie, schaut auf den Bildschirm statt zu Ihnen, nimmt sich keine Zeit für Ihre Fragen.

Ihre Fragen werden abgeblockt  „Das müssen Sie nicht verstehen, ich bin der Arzt.“

Ihnen wird suggeriert, Sie übertreiben  „Sie machen sich zu viele Gedanken.“

Sie werden schnell an die Psychosomatik verwiesen  Nicht, weil eine gründliche Untersuchung stattgefunden hat, sondern weil man nicht weiter weiß.

Sie verlassen die Praxis mit dem Gefühl, dass Sie sich das alles nur einbilden Obwohl Sie genau wissen, dass Ihr Körper Ihnen etwas sagt.

Was Sie tun können – Do's & Don'ts im Arztgespräch

Resilienz und Achtsamkeit Heilpraktiker Eva Hilbich Mannheim

Medical Gaslighting kann frustrierend und entmutigend sein. Aber Sie sind Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin nicht hilflos ausgeliefert. Hier einige praktische Tipps, wie Sie sich schützen und für sich einstehen können:

DO’s – Das können Sie tun:

Führen Sie ein Symptomtagebuch  Notieren Sie Ihre Beschwerden über mehrere Wochen: Was tritt wann auf? Wie stark? Gibt es Zusammenhänge (z.B. mit Zyklus, Stress, Ernährung)? Das macht Ihre Symptome greifbarer und schwerer zu ignorieren.

Bereiten Sie sich auf das Gespräch vor  Schreiben Sie sich vorher auf, was Sie sagen möchten. Welche Symptome haben Sie? Seit wann? Wie beeinträchtigen sie Ihren Alltag? Bringen Sie diese Liste mit.

Seien Sie konkret  Statt „Mir geht’s nicht gut“ sagen Sie: „Ich habe seit 3 Monaten täglich Kopfschmerzen ab 14 Uhr, die Schlafstörungen verursachen. Meine Konzentrationsfähigkeit ist deutlich eingeschränkt.“

Fragen Sie nach  Wenn Ihnen etwas unklar ist oder Sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden: „Können Sie mir erklären, warum Sie das für unwahrscheinlich halten?“ oder „Welche anderen Ursachen könnten infrage kommen?“

Holen Sie eine zweite (oder dritte) Meinung ein  Wenn Sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden, suchen Sie einen anderen Arzt oder eine andere Ärztin auf. Das ist Ihr gutes Recht.

Suchen Sie gezielt nach Spezialisten  Nicht jeder Arzt kennt sich mit Lipödem, Endometriose oder Fibromyalgie aus. Recherchieren Sie nach Spezialisten oder Schwerpunktpraxen.

Nehmen Sie eine Vertrauensperson mit  Eine zweite Person im Raum kann helfen, dass Sie ernster genommen werden (leider!), und sie kann später bestätigen, was gesagt wurde.

Dokumentieren Sie  Wenn wichtige Aussagen gemacht werden, bitten Sie um eine Zusammenfassung für Ihre Unterlagen. Das schafft Verbindlichkeit.

Vertrauen Sie Ihrem Körpergefühl  Ihr Körper lügt nicht. Wenn Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, dann stimmt etwas nicht. Lassen Sie sich nicht einreden, dass Sie sich das einbilden.

DON’Ts – Das sollten Sie vermeiden:

Sich klein machen  Sätze wie „Ist wahrscheinlich nicht so wichtig, aber…“ oder „Tut mir leid, dass ich Sie störe“ schwächen Ihre Position. Ihre Gesundheit IST wichtig.

Sich von oben herab behandeln lassen  Sie sind nicht „nur“ Patient:in, sondern die Expert:in für Ihren eigenen Körper. Eine gute Behandlung geschieht auf Augenhöhe.

Sofort nachgeben  Wenn der Arzt Ihre Symptome als psychosomatisch einstuft, ohne gründlich untersucht zu haben, können Sie höflich, aber bestimmt nachfragen: „Welche körperlichen Ursachen haben Sie ausgeschlossen?“

Sich abspeisen lassen mit „Das ist halt so“  Bei chronischen Beschwerden gibt es fast immer Behandlungsmöglichkeiten oder zumindest Ansätze zur Linderung. Ein „Da kann man nichts machen“ sollte nicht das letzte Wort sein.

Aufgeben  Auch wenn es frustrierend ist: Geben Sie nicht auf. Es gibt Ärzte und Therapeuten, die zuhören, die ganzheitlich schauen und die Sie ernst nehmen.

Wie gute medizinische Begleitung aussieht

Damit es nicht nur um Probleme geht, hier ein positiver Blick: Wie sieht gute, respektvolle medizinische Begleitung aus?

Zeit nehmen  Auch wenn das Gesundheitssystem unter Druck steht: Eine gute Behandlung braucht Zeit zum Zuhören und Verstehen.

Aktiv zuhören ohne zu urteilen  Ihre Symptome ernst nehmen, auch wenn sie vielschichtig oder diffus sind.

Ganzheitlich schauen  Körper, Psyche, Lebensumstände, Ernährung, Stress – alles hängt zusammen. Eine gute Diagnose berücksichtigt das.

Sie als Expert:in Ihres eigenen Körpers anerkennen  Niemand kennt Ihren Körper besser als Sie selbst. Gute Medizin arbeitet MIT Ihnen, nicht über Sie hinweg.

Transparenz  Erklären, was untersucht wird, warum und was die Ergebnisse bedeuten. Und auch ehrlich sagen: „Ich weiß es nicht, aber wir schauen weiter.“

Offenheit für verschiedene Therapieansätze  Schulmedizin, Naturheilkunde, Psychotherapie, Physiotherapie – oft ist es die Kombination, die hilft.

Medical Gaslighting und ganzheitliche Medizin

In meiner Arbeit als Heilpraktikerin begegnen mir regelmäßig Menschen, die jahrelang von Arzt zu Arzt gelaufen sind, bevor sie endlich gehört wurden. Menschen mit Lipödem, die sich jahrelang anhören mussten, sie sollten „einfach weniger essen“. Frauen mit Fibromyalgie, denen gesagt wurde, das sei „alles Stress“. Patient:innen, deren Erschöpfung trotz unauffälliger Schilddrüsenwerte abgetan wurde.

Ganzheitliche Medizin bedeutet für mich: Den Menschen als Ganzes sehen. Nicht nur die Blutwerte, sondern auch die Lebensumstände, die Psyche, die individuellen Belastungen. Und vor allem: Zuhören. Wirklich zuhören.

Das ersetzt keine ärztliche Diagnostik. Aber es ergänzt sie. Es schafft Raum für das, was in 7-Minuten-Terminen oft untergeht: Die ganze Geschichte.

Sie sind nicht verrückt. Sie sind nicht allein.

Wenn Sie diesen Artikel lesen und sich wiedererkennen: Sie bilden sich das nicht ein. Ihr Körper lügt nicht. Ihre Symptome sind real.

Medical Gaslighting ist ein systemisches Problem, es liegt nicht an Ihnen. Und es gibt Wege da raus.

Es gibt Ärzte und Therapeuten, die zuhören. Die ganzheitlich denken. Die Sie ernst nehmen. Manchmal dauert es, sie zu finden. Aber sie sind da.

Und bis dahin: Vertrauen Sie sich selbst. Bleiben Sie hartnäckig. Fordern Sie die Behandlung ein, die Sie verdienen.

Denn Ihre Gesundheit ist wichtig. Und Sie haben das Recht, gehört zu werden.

Eva Hilbich, Heilpraktikerin

Eva Hilbich arbeitet seit 2023 als Heilpraktikerin in der Mannheimer Innenstadt. Ihr Herzensthema sind Lipödem, Lymphödem und chronische Erkrankungen – Themen, die sie auch aus eigener Erfahrung kennt. Mit ihrem ganzheitlichen Ansatz begleitet sie Menschen auf dem Weg zu mehr Lebensqualität und Selbstermächtigung. Auf ihrem Blog teilt sie fundiertes Wissen und praktische Alltagsstrategien.