Dieses Zitat kennen viele. Aber was bedeutet es eigentlich, wenn man chronisch krank ist? Heißt das automatisch, dass man nicht gesund sein kann? Oder gibt es einen Weg, trotz chronischer Erkrankung ein erfülltes, gesundes Leben zu führen?
Ich beschäftige mich mit dieser Frage – beruflich und persönlich. Und ich möchte heute meine Gedanken und Erfahrungen teilen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als einen Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht nur das Fehlen von Krankheit.
Das ist ein wichtiger Punkt: Gesundheit ist nicht schwarz oder weiß. Es ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der sowohl körperliches als auch seelisches und soziales Wohlbefinden umfasst.
Das bedeutet: Ein medizinisch „gesunder“ Mensch kann sich trotzdem krank fühlen, während ein Mensch mit einer diagnostizierten Erkrankung durchaus ein hohes Maß an Wohlbefinden erleben kann.
Gesundheit ist nicht binär – sie bewegt sich auf einem Spektrum.
Wir sind nicht einfach nur „gesund“ oder „krank“. Vielmehr bewegen wir uns kontinuierlich auf einem Spektrum zwischen diesen beiden Polen.
Entscheidend ist dabei die Balance zwischen Belastungen (Risikofaktoren) und Ressourcen (Schutzfaktoren). Je weniger Stressoren und je mehr Ressourcen vorhanden sind, desto stärker wird das subjektive Wohlbefinden wahrgenommen – und das wirkt sich wiederum positiv auf die Gesundheit aus.
In meiner Praxis erlebe ich das immer wieder: Zwei Frauen mit der gleichen Diagnose können völlig unterschiedlich damit umgehen. Die eine fühlt sich durch die Erkrankung stark eingeschränkt, die andere hat Wege gefunden, gut damit zu leben.
Der Unterschied? Oft sind es die Ressourcen – körperlich, seelisch und sozial.
Chronische Krankheiten sind lang andauernde Erkrankungen, die nicht vollständig geheilt werden können und eine fortlaufende oder wiederkehrende medizinische Versorgung erfordern.
Dazu gehören unter anderem:
In Deutschland bezeichnen sich etwa 43 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer als chronisch krank. Die Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter deutlich an.
Chronische Erkrankungen beeinflussen das gesamte Leben der Betroffenen. Und damit meine ich nicht nur die körperlichen Symptome.
Beeinträchtigung der Lebensqualität:
Erhöhte Inanspruchnahme des Gesundheitssystems:
Soziale und berufliche Folgen:
Multimorbidität:
Psychosoziale Belastungen:
Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Die ständige Planung um die Erkrankung herum, die Müdigkeit, die Schmerzen – aber auch die Vorurteile und das Unverständnis von außen.
Chronisch kranke Menschen sind stark auf das Gesundheitssystem angewiesen, stoßen dabei aber oft auf ähnliche Hürden:
Lange Wege zur Diagnose:
Viele Erkrankungen – besonders Lipödem, Lymphödem oder Autoimmunerkrankungen – werden spät erkannt. Unspezifische Symptome und fehlendes Wissen führen dazu, dass Betroffene jahrelang von Arzt zu Arzt geschickt werden, ohne ernst genommen zu werden.
Zu wenig Spezialisierung:
Viele Ärzte sind nicht ausreichend auf chronische Erkrankungen vorbereitet. Das zwingt Patientinnen dazu, zahlreiche Fachärzte aufzusuchen, um überhaupt passende Unterstützung zu finden – besonders schwierig in ländlichen Regionen.
Kosten, die nicht übernommen werden:
Kompression, Lymphdrainage, Schmerztherapie oder andere notwendige Maßnahmen werden oft nur teilweise bezahlt. Das belastet finanziell und führt dazu, dass wichtige Behandlungen ausfallen.
Schlechte Vernetzung:
Chronisch Kranke brauchen oft mehrere Fachbereiche gleichzeitig – doch die Kommunikation zwischen diesen Stellen funktioniert selten gut. Viele müssen ihre Therapie selbst koordinieren, was enorm viel Kraft kostet.
Unsichtbare Erkrankungen:
Weil viele chronische Krankheiten äußerlich nicht erkennbar sind, kommt es häufig zu Missverständnissen und Vorurteilen. „Du siehst doch gar nicht krank aus“ – solche Sätze tun weh und machen einsam.
Jetzt kommt die wichtige Frage: Kann man trotz chronischer Erkrankung gesund sein?
Meine Antwort: Ja – aber es bedeutet etwas anderes als „Abwesenheit von Krankheit“.
Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Sie ist ein vielschichtiges Zusammenspiel von körperlichen, seelischen und sozialen Faktoren.
Für mich heißt es:
🌿 Raum zu schaffen für das, was gut tut
🌿 mit dem eigenen Körper Frieden zu schließen
🌿 eine gute Beziehung zu sich selbst aufzubauen
🌿 zu spüren, was stärkt – und was schwächt
🌿 und Wege zu finden, Einfluss zu nehmen, wo Einfluss möglich ist
Es heißt nicht, jeden Tag perfekt zu meistern – sondern gut für sich zu sorgen, auch an schwierigen Tagen.
Betroffene und ihr Umfeld müssen die Erkrankung anerkennen, um sich auf Herausforderungen einzustellen und realistische Ziele zu setzen.
Das heißt nicht Resignation. Es heißt: Ich erkenne an, dass mein Körper anders funktioniert. Und ich höre auf, gegen etwas zu kämpfen, das ich nicht ändern kann.
Diese Akzeptanz hat mir so viel Frieden gebracht.
Anstatt Schuldige zu suchen, ist es hilfreicher, Verantwortung für das eigene Leben und die persönlichen Entscheidungen zu übernehmen.
Das stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Kontrolle.
Ich kann zwar mein Lipödem nicht heilen – aber ich kann entscheiden, wie ich damit umgehe. Ich kann meine Ernährung anpassen, Bewegung einbauen, Stress reduzieren, Kompression tragen.
Das gibt mir Macht zurück.
Auch kleine Erfolge und positive Erlebnisse können das subjektive Wohlbefinden verbessern.
Es geht darum, trotz Herausforderungen Momente der Freude zu erkennen und wertzuschätzen.
Für mich sind das: Ein Tag ohne starke Schmerzen. Ein Spaziergang, der leicht fiel. Ein gutes Gespräch. Ein Moment, in dem ich meine Erkrankung vergessen konnte.
Das sind die Momente, die zählen.
Neben medizinischer Versorgung können ergänzende Maßnahmen wie Bewegungstherapie, Ernährung, Achtsamkeitsübungen und soziale Interaktion dazu beitragen, den Alltag zu erleichtern.
In meiner Praxis arbeite ich genau nach diesem Prinzip: Ganzheitlich. Körper, Geist, Seele.
Auch der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann entlastend wirken. Deshalb habe ich eine Selbsthilfegruppe gegründet – weil ich weiß, wie heilsam es ist, nicht allein zu sein.
Sie sind nicht Ihre Erkrankung. Sie sind ein Mensch mit einer Erkrankung. Und Sie verdienen Gesundheit – in all ihren Facetten.
Eva Hilbich arbeitet seit 2023 als Heilpraktikerin in der Mannheimer Innenstadt. Ihr Herzensthema sind Lipödem, Lymphödem und chronische Erkrankungen – Themen, die sie auch aus eigener Erfahrung kennt. Mit ihrem ganzheitlichen Ansatz begleitet sie Menschen auf dem Weg zu mehr Lebensqualität und Selbstermächtigung. Auf ihrem Blog teilt sie fundiertes Wissen und praktische Alltagsstrategien.